Kurzgeschichte

Ewig leben

Heute kann ich euch seit langer Zeit wieder etwas aus der Literaturecke anbieten. Es handelt sich dabei um eine Zusammenarbeit mit dem großartigen Stefan, dessen eigenen Blog ihr übrigens hier findet.

Die Kurzgeschichte, die nach einem ähnlichen Prinzip wie „Verbindungsfehler“ geschrieben wurde, entstand in den letzten zwei Wochen via Emailverkehr. Ich freue mich über alle Kommentare und konstruktive Kritik. Viel Spaß beim Lesen!

Ewig leben

Appetit hat er keinen mehr.
„Vielen Dank, wirklich, aber du musst entschuldigen, ich…“
Er dreht sich zu Seite. Sonne fällt durch die grauen Gardinen.
Fleckig.
Staub tanzt im Licht, bildet Balken, quer durch den Raum.
Er seufzt, umkreist mit den Fingerkuppen eine graue Stelle des weißen Lakens und blickt wieder auf.
„…also, es ist so, dass…“
Seit Wochen schon geht ihm dieser Moment durch den Kopf. Prinzipiell ist ihm alles klar. Prinzipiell weiß er genau, was er zu sagen hat.
Prinzipiell.

„Ich brauche deinen Blick, deine Hand, deine Aufmerksamkeit“, schreit sie ihm noch mal verbittert ins Gesicht, bevor sie dem pechschwarzen Tanzboden eine Träne schenkt.
„Wenn die Musik nicht so laut wäre“, denkt sie sich, „ dann würde ich ihm sagen, dass ich hackevoll bin und nur ficken möchte.“
Die Musik spielt das, was auch schon das Hitradio am Nachmittag gespielt hat. Schrott.
Er feiert.
Sie feiert.

„..ach, nicht so wichtig.“
Sein Gesicht verzieht sich zu Etwas, dass wie ein Lächeln aussehen soll. “Ich freue mich einfach auf heute Abend,“ sagt er und schließt die Augen.
Er hört den Wind in den Blättern vor dem Fenster, hört das Rauschen, das Knistern. Hört, wie sich sein eigener Atem dazwischen drängt.
„Du feiger Idiot!“, schreit sein Kopf. „Ich kann es verdammt noch mal nicht!“, brüllt es von irgendwo in ihm zurück. Er ballt die Fäuste, beißt die Zähne zusammen, schluckt.
Natürlich könnte er. Er hatte schon so oft gekonnt, nie großartig geplant, einfach angefangen.
Rascheln und Knistern hört er nicht mehr. Sein Kopf drückt und sticht. Was er nun braucht, ist Ablenkung. Für ihn, für seinen Kopf, für jetzt.
„Willst du nicht das Radio einschalten?“

„Mit Chillout-Zone!!!“, hatte der Veranstalter in roten Neonbuchstaben auf den A6-Flyer drucken lassen.
„Hier ist es etwas ruhiger und wir können uns unterhalten“, prostet sie ihm mit ihrem gefühlten zwanzigsten Wodka-Mischgetränk entgegen.
Sie nimmt einen kräftigen Schluck.
Aus dem Tanzsaal nebenan dröhnt der Kehrvers von Salt’n’Pepas „Let’s Talk About Sex“.
Beide schweigen.

„Ich springe noch schnell unter die Dusche, ja?“
Er wühlt sich durch verschwitzten Stoff.
Wieder.
Am Vorhang bahnen sich Tropfen den Weg nach unten.
Stockend, langsam. Hin und wieder treffen sie aufeinander, verbinden sich, fallen. Er bleibt.
Wie gerne würde er nun ewig duschen. Wie gerne würde er nun ewig, alleine, ohne an jemanden zu denken, ohne an etwas zu denken, ohne überhaupt nachdenken zu müssen, duschen.
Wieder.
Als er aus der Dusche kommt, liegt alles schon bereit:
Das selbe Hemd, das selbe Parfum, die selben Schuhe.

„Ich will, dass er mich berührt.“
Dieser Gedanke geht ihr immer wieder durch den mit Alkohol gefüllten Kopf.
Bumm bumm tschack macht die HipHop-Musik, die der Discjockey auflegt.
Sie hört nicht hin. Ihr Herzschlag ist lauter.
„Gleich werde ich es versuchen. Was soll schon passieren?“
Der Schnaps gibt ihr den nötigen Mut.
„Ich muss mal auf die Toilette, bin gleich wieder da“, speit er ihr gepaart mit etwas Spucke ins Ohr.

„Als wäre keine Zeit vergangen,“ denkt er, während er sich im Spiegel betrachtet.
Nur seine Augen, meint er, seien müde.
Ein stechend süßer Duft steigt in seine Nase, weiche, weiße Hände umfassen seine Hüften.
Ob sie ihm so gefalle.
„Du siehst toll aus,“ antwortet er ihr leise.
Er weiß es nicht.

Sie steht neben zwei solargebräunten Jungs, die vor den Toiletten auf ihre weiblichen Begleitungen warten.
„Ich werde ihn fragen, ob wir nach Hause gehen wollen“, denkt sie sich und fügt ihrem Gedanken noch ein „jetzt käme auch ein Spätbus und wir müssten nicht mehr allzu lange in der Dunkelheit rumstehen“ hinzu.
Sie wartet.
Und wartet.

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